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Interview: Wie geht nachhaltige Printproduktion?

Ein Interview mit Marco Gretz, Dipl. Ing. (FH) Umweltschutz, Umweltbeauftragter bei medialogik GmbH aus Karlsruhe.

1. Ein Unternehmen kommt zu Ihnen und möchte seine Printprodukte nachhaltiger machen. Was empfehlen Sie?
“Wir versuchen in einem Erstgespräch erst einmal zu analysieren, um was für Druckprodukte es sich handelt, wie viele bislang gedruckt und wie viele davon im Endeffekt gebraucht wurden. Diese Punkte sind letztendlich aus ökologischer Sicht ausschlaggebend, da die Menge an bedrucktem Papier reduziert werden kann. Umso weniger gedruckt wird, desto nachhaltiger ist das Produkt!Das klingt, als würden wir uns als Druckerei damit ins eigene Knie schießen. Jedoch hat die Vergangenheit gezeigt, dass die Kundenbindung dadurch enorm ist.
Das sieht in der Praxis so aus, dass wir für gewisse Produkte Software-Lösungen in Kombination mit Print-on-demand anbieten. Hierbei werden nur die Information und die Menge gedruckt, die tatsächlich gebraucht wird. Es landet weniger bedrucktes Papier in der Tonne, der Kunde spart zudem Druckkosten und hat durch personalisierte Inhalte eventuell einen größeren Effekt.
Im nächsten Schritt geht es dann um den Rohstoff und die Produktion. Betrachtet man die Ökobilanz, so macht Recyclingpapier gekennzeichnet mit dem Blauen Engel klar das Rennen. Wird Recyclingpapier nicht gewünscht bzw. ist nicht möglich, dann empfehlen wir Frischfaserpapier zertifiziert nach den Regeln des Forest Stewardship Council (FSC).
Die Druckproduktion selbst sollte mit 100% Ökostrom erfolgen und klimaneutral sein.
Wenn es die Druckart hergibt, kann der Kunde noch auf sogenannte Biofarben achten. Diese sind mineralölfrei und lassen sich im Recyclingprozess besser de-inken.
Dann hält man meiner Meinung nach ein relativ unbedenkliches Printprodukt in den Händen.”

2. Worauf ist bei der Papierwahl zu achten? Gilt: am besten ist 100% Recyclingpapier, dann zertifiziertes Frischfaser-Papier?
“Auf alle Fälle. Hier sind sich auch die meisten Umweltverbände einig. Erste Wahl ist Recyclingpapier gekennzeichnet mit dem Blauen Engel. Danach kommen alle anderen Recyclingpapiere. Wenn Frischfaserpapier zum Einsatz kommt, dann FSC-zertifiziertes Papier. Die negativen Auswirkungen auf die Umwelt (Energie, CO2, Wasser, Rohstoff) sind bei Recyclingpapieren definitiv geringer.”

3. Sind fsc- und Recycling-Papiere teurer? Falls ja, mit wieviel Prozent Mehrkosten müssen Unternehmen ungefähr rechnen?
“Beides ist schwierig zu beantworten. Sowohl FSC- als auch Recyclingpapiere sind meist etwas teurer. Bei FSC-zertifizierten Papieren spielt die Zertifizierung und der damit verbundene Aufwand, bei Recyclingpapieren der Produktionsprozess und die Rohstoffbeschaffung eine Rolle. Eine Prozentzahl kann man nicht pauschal sagen, da es beispielsweise darauf ankommt, wie die Papiere verarbeitet sind (Bilderdruck, Digitaldruck, Offsetdruck…).”

4. Werden Siegel wie fsc oder klimaneutraler Druck auf Drucksachen gerne von Unternehmen verwendet?
“Dass der FSC in den letzten Jahren an Bekanntheit gewonnen hat, steht außer Frage. Das spiegelt sich auch im Druck- und Papierbereich wider. Immer mehr Unternehmen/Organisationen und Privatpersonen achten beim Kauf von Papier und Drucksachen auf Umweltsiegel, wobei der klimaneutrale Druck bei uns in der Druckerei eher selten angefragt wird. Obwohl unsere komplette Produktion schon klimaneutral gestellt ist und jedes Produkt dementsprechend gekennzeichnet werden kann, ist die Nachfrage eher verhalten.”

5. Was sagen Sie aus Umweltsicht zu Druckveredelungen, z.B. Drucklacke, Folienkaschierungen, UV-Lacke?
“Hierbei muss man meiner Meinung nach differenzieren. Grundsätzlich hat jede Weiterverarbeitung sofortige (Energie, Material) und spätere (Recycling) negative Auswirkungen auf die Umwelt. Somit würde ich aus ökologischer Sicht erst einmal davon abraten.
Jedoch muss man auch die Langlebigkeit und die Aufmerksamkeit des Printproduktes betrachten.
Ein ganz banales Beispiel: Sie haben ein Buch mit einem veredelten Umschlag. Durch den gleichzeitigen Schutz durch die Veredelung wird das Buch nicht so schnell abgegriffen. Das Buch bleibt somit länger im Umlauf und wird im Idealfall von mehreren Personen benutzt und muss nicht wieder neu produziert werden, was die ökologischen Auswirkungen wiederum minimiert.
Letztendlich muss es vom Produkt abhängig gemacht werden. Einen Flyer, der einmal gelesen wird, sollte und muss einfach nicht mit einer Folie kaschiert werden.”

Vielen Dank für das Interview, Herr Gretz!